Alle Beiträge von Ivana Scharf

Outreach, Museen & Diversity

Eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der Kulturinstitutionen besteht darin das Thema Diversity mit Leben zu füllen. Wie das gelingen kann? Das werden wir unter anderem beim stARTcamp Wien in der Kunsthalle Wien unter dem Motto „Engage Your Audience“ diskutieren.

Für mich stellt sich dabei vor allem die Frage: Wie gewinnt man Menschen, die bisher nicht zu den Besucher*innen zählen? Das ist keine neue Frage. Aber eine auf die es immer noch zu wenig gute Antworten gibt. Daher freue ich mich eine Session zum Thema Museen & Diversity – Outreach als strategisches Diversity Instrument anzubieten. Beim Reden soll es nicht bleiben und daher geht es schnell über zu konkreten Beispielen und Handlungsempfehlungen. Basis für die Präsentation ist der in Kürze im Waxmann Verlag erscheinende Titel: Museen & Outreach – Outreach als strategisches Diversity Instrument.

Panic! Soziale Mobilität in der Kultur

Panic! Social Class, Taste and Inequalities in the Creative Industries ist eine seit 2015 angelegte Studie in Groß Britannien, die basierend auf Interviews mit Beschäftigten in der Kreativwirtschaft und in der Kultur die strukturellen Hürden aufzeigt, die mehr Diversität verhindern. Demnach hat sich zwischen 1981 und 2011 die soziale Struktur der Beschäftigten in den Kreativberufen und in der Kultur nicht verändert. Das betrifft Beschäftigungen als Künstler*innen, Musiker*innen oder Schauspieler*innen genauso wie Anstellungen in Bibliotheken, Museen und Galerien. Hier sind diejenigen mit einer Herkunft aus Arbeiterfamilien stark unterrepräsentiert.

Ebenso spiegelt sich die Abwesenheit der Arbeiter*innen in der Kulturstatistik wieder. Die regelmäßige Teilhabe an Kunst- und Kulturveranstaltungen, das ist auch in Deutschland bekannt, gehört nur für eine Minderheit zum Lebensalltag selbstverständlich dazu. Die Autor*innen der Studie gehen weiter und untersuchen die Vorlieben und Interessen sowie die Netzwerke der Beschäftigten in der Kultur- und Kreativbranche und stellen hier viele Unterschiede fest. Es fehlen demnach wechselseitig Zugänge.

Kurz auf den Punkt gebracht: Akademiker*innen erreichen offenbar nur Akademiker*innen. Der gesamte Sektor bleibt überwiegend unter sich, sowohl was die Besetzung von Stellen angeht, beim Nachwuchs, in der Produktion als auch in der Rezeption.

In unserem bald erscheinenden Buch „Museen und Outreach – Outreach als strategisches Diversity Instrument“ gehen wir auf diese Aspekte ein und zeigen, wie durch eine strategische Implementierung von Outreach diese über lange Jahre verfestigten Strukturen aufgebrochen werden können.

Wen spricht dieses Museum an?

Kürzlich besuchte ich in meiner Heimatstadt Wuppertal das Von der Heydt Museum. Ein städtisches Kunstmuseum mit einer herausragenden Sammlung. Die Finanzierung wird von Land, Kommune, einem Verein und privaten Stiftungen geleistet. Anlässlich des 100. Todestages von Edgar Degas und Auguste Rodin zeigt das Museum die Ausstellung mit dem Titel „Degas & Rodin – Giganten der Moderne“. Die Zusammenstellung der 270 Werke war in dieser Form noch nie zu sehen. Der Kurator hat sie zueinander in Beziehung gesetzt und die Ähnlichkeiten und Unterschiede herausgearbeitet.

Ich  kam in das Museum als regelmäßige Museumsbesucherin, mit meinem beruflichen Erfahrungswissen aus der Arbeit in einem renommierten Museum, dem Wissen aus mehreren Semestern Kunstgeschichte und mit überdurchschnittlichem Kunstinteresse. Als Kulturmanagerin interessiert mich vor allem die Perspektive der ungeübten Museumsbesucher. Aus der Sicht der Nichtbesucher betrat ich den Raum, fand zur Orientierung schnell die Kasse und die Garderobe. Der Weg zur Ausstellung erschloss sich mir nicht unmittelbar, da mehrere Räume gleichzeitig bespielt wurden. Ich folgte den anderen Besuchern. Am Eingang der Ausstellung wurde ich freundlich in Empfang genommen, den Beginn des Rundgangs zeigte man mir mit einer Geste an. Sodann führte mich ein Leitsystem chronologisch von Raum zu Raum. Die Texte waren in gut lesbarer Schriftgröße. Verstanden habe ich die Inhalte ohne Fremdwörterbuch und umfangreiches kunst- und kulturgeschichtliches Wissen jedoch nicht. Der begleitende 431-seitige Ausstellungskatalog hat mich sehr beeindruckt, aber nicht weniger ratlos zurückgelassen. Wieder zu Hause wollte ich mich auf der Website des Museums über das Begleitprogramm weiter informieren. Doch dieses wendete sich nicht an mich. Es klang eher nach einem Angebot für Kunstsammler, Kunstliebhaber oder Kunstkenner. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Eher schon ausgeladen. Auf jeden Fall nicht eingeladen. Ich kam zu dem Schluss, dieses Museum gehört nicht zu meiner Welt.

Diese hier skizzierte Situation ereignet sich, wenn es überhaupt so weit kommt, dass ein Nichtbesucher die Museumsschwelle übertritt, in ähnlicher Weise erwartungsgemäß häufiger. Ganz sicher ist das nicht die Absicht der Ausstellungsmacher. Hier verdeutlicht sich die Etablierung einer bestimmten Qualität von Sozialbeziehungen. Demgegenüber fehlen Schritte zum Aufbau von Beziehungen zu anderen Besuchergruppen. Betrachtet man das Museum als ein gesellschaftliches Angebot einer Bildungsmöglichkeit, so erscheint die Erwartungshaltung im Hinblick auf die Vorbildung der Besucher recht hoch. Das Kunstmuseum ist in seinem eigenen System gefangen, mit der Grundannahme, dass Kunstrezeption nur unter bestimmten intellektuellen Bedingungen stattfinden kann. Es heißt, das Kulturpublikum sei ein Abiturpublikum. In diesem Fall wird sogar ein Akademikerpublikum angesprochen.

Erfreulicherweise sieht die Museumsszene sich zunehmend selbstkritischer. So betont Marion Ackermann, die seit kurzem die Staatliche Kunstsammlung Dresden leitet in einem Interview mit dem MDR: „Wir erreichen große Teile des Publikum der Gesellschaft nicht mit unseren Angeboten, sondern sind mit uns selbst beschäftigt und damit, unsere Marken als Museum auszubauen.“

Die Kunstsammlung NRW fragte in ihrem Symposium vom 18. bis 20. Januar: „Wem gehört das Museum?“ Mit dem Ziel herauszufinden wer die derzeitigen Besucher sind und wie eine diversere Besucherschaft angesprochen werden kann. Das Symposium wurde per Livestream auf dem Youtube Kanal der Kunstsammlung NRW übertragen.

Outreach ist, wenn ein ganzer Stadtteil eine Oper macht

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zählt zu den zehn besten Orchestern weltweit. Herausragende künstlerische Qualität bieten und gleichzeitig näher an den Menschen sein als jede andere Kulturinstitution in Deutschland. Was können andere von den Weltklassemusikern lernen ?  Hinter der Erfolgsgeschichte steht eine Haltung und innere Überzeugung der Musiker, die andere an dem was ihnen am Herzen liegt teilhaben lassen möchten. Dafür gehen sie unkonventionelle Wege. Ich hatte mehrfach die Gelegenheit das Orchester zu besuchen, das in der Gesamtschule Bremen-Ost, inmitten eines Stadtteils mit besonderen sozialen Herausforderungen zu Hause ist. Zukunftslabor nennen die Macher den Ort, an dem sie ihre neuen, gesamtgesellschaftlich ausgerichteten Wirkungsweisen von klassischer Musik erproben. Hier finden zahlreiche Projekte gemeinsam mit der Schule statt in denen Musiker und Musik inspirieren, die Begeisterung wecken und die neue Erfahrungen ermöglichen. Diese beruhen auf Gegenseitigkeit, wie auch der kurze Filmbeitrag deutlich macht. Jeder in der Schule ist mit Lust und Leidenschaft dabei und Stolz, wenn die Besuchermassen zur Aufführung kommen. Für mich eines der schönsten Opernerlebnisse mit einem bunten Publikum, wie es sich jede Kultureinrichtung wünschen würde. Diese Strahlkraft nimmt den ganzen Stadtteil mit, nur so kann die Stadtteil-Oper mit 500 Mitwirkenden Wirklichkeit werden. Dieses neue Kunst-Genre, ist nur ein Beispiel für die vielen partizipativen Projekte des Zukunftslabors. Ein weiteres ist die Melodie des Lebens. Hier finden am 19. und 20. März 2015 wieder Aufführungen statt. Lohnenswert ist vorher an einer Führung durch das Zukunftslabor teilzunehmen.

Museen & Outreach – Eine Frage der Haltung

Jedes Jahr öffnen neue Museen, die Besuche steigen und Museen sind beliebter als die Bundesliga. Warum also Outreach? Es ist eine Frage der Haltung, wie ein Museum seine Rolle in der Stadtgesellschaft definiert und sich mit ihr vernetzt. Dabei stellt sich das Museum zum Beispiel folgende Fragen „Welche Besucher wollen wir erreichen?“ oder „Welchen Unterschied machen wir im Leben von Menschen?“ Outreach umzusetzen bedeutet eine neue Ausrichtung der Organisation, neue Vernetzungsstrategien sowie neue Ebenen der Kommunikation und der gesellschaftlichen Verantwortung. Kurz: Outreach ist ein konsequenter Change-Management Prozess.

 

Museen und Outreach auf kubi-online.de

Gerade wurde unser Artikel über „Museen und Outreach“ auf kubi-online.de veröffentlicht. Hier erläutern wir die Bedeutung von Outreach in der kulturellen Bildungsarbeit von Museen. Wir beschreiben Outreach im Spannungsfeld von Audience Development, Partizipation und sozialer Inklusion. Outreach hat das Potenzial das Verhältnis zwischen Museum und nicht museumsaffinem Publikum grundlegend zu verändern und viel weiter zu gehen, als alles, was bisher erprobt wurde. Wenn Outreach strategisch und systematisch implementiert wird, trägt es dazu bei, die Umwelt-Beziehungen des Museums und das System Museum selbst zu verändern.

Definitionen von Outreach

Seit über einem Jahrhundert führen Museen Outreach-Programme durch, um Interesse für ihre Sammlungen zu wecken und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung von Outreach in dem Maße gestiegen, wie Museen erkannt haben, dass sie andere Methoden und Wege finden müssen, um ein diverseres Publikum zu beteiligen. Mittlerweile ist Outreach in zahlreichen Museen weltweit etabliert. Es gibt Outreach Manager, Outreach Kuratoren und Outreach Abteilungen. Doch was genau bedeutet Outreach? Wir haben die neue Rubrik Definition eingerichtet und geben hier einen Überblick über die theoretische Dimension von Outreach.