Es menschelt im Museum

Letzte Woche nahm ich an der ersten Veranstaltung in der neuen Reihe des lab.Bode! zum Thema Outreach teil.  Set #7: Outreach startete mit dem Vortrag „Outreach – Consequences – Courage“ von Christian Greco aus dem Museo Egizio in Turin. Der  engagierte Direktor des Museums ist passionierter Forscher und ein Menschenfreund. Von beiden Eigenschaften werden auch die Outreach Maßnahmen und Programme getragen. Sein Ziel ist es das Museum zu einem stärker partizipativen Museum zu machen, zu einem Museum, das für die Menschen eine Bedeutung hat. Ein weiteres Anliegen ist eine Kultur und Atmosphäre zu gestalten in der sich jeder willkommen fühlt

Um herauszufinden wie das gelingen kann hat das Museum Outreach Programme außerhalb und innerhalb des Museums gestartet.

„Wenn die Institution in die Nachbarschaft kommt gehört sie eher zum Leben der Menschen“, sagt Christian Greco.

Es stellte sich dann allerdings die Frage mit welcher Botschaft das Museum auf die Menschen zugehen wollte. Kernaufgaben des Museums sind unverrückbar, sagt Greco und dennoch müssen diese an die Gemeinschaft angebunden werden. Daher setzte der Direktor die Forschung in den Mittelpunkt der Outreach Programme mit dem Ziel diese für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.

Mit einem Gefängnis entwickelte sich eine Kooperation in der Forschung Bestandteil des Outreach Programmes wurde. Die Insassen fertigten Kopien in so hoher Qualität an, dass selbst die Kurator*innen überrascht waren. Die Anfertigung der Kopien hat weitere Forschungsfragen aufgeworfen, die ohne die Zusammenarbeit wohlmöglich nicht aufgekommen wären.

Dass sich darüberhinaus viele neue Verbindungen ergeben, wenn sich das Museum für neue Sichtweisen und Perspektiven öffnet und sich mit dem sozialen Umfeld auf vielfältige weise vernetzt, wurde anhand der zahlreichen Beispiele deutlich. So fand die erste Outreach Initiative in einem Kinderkrankenhaus statt und die Kinder wünschten sich Objekte. Eine Aufgabe die das Museum letztlich nur durch das sich zufällig mit dem Gefängnis ergebende Projekt lösen konnte.

Wie sehr Outreach mit dem aufrichtigen Interesse an den Menschen verbunden ist, wurde den gebannt lauschenden Zuhörer*innen in einer berührenden Erzählung deutlich. Da die Kinder teilweise schwerkrank und manche dem Tod nahe waren, haben die Kurator*innen, die regelmäßig ins Kinderkrankenhaus gingen es vermieden das Thema anzusprechen. Was angesichts einer Spezialisierung des Museums auf Ägyptologie und umfassenden Sammlungsstücken aus Gräbern nicht unbedingt einfach war. Es stellte sich heraus, dass die meisten Fragen der Kinder um den Tod kreisten.

Als Museumsmitarbeiter*in gibt man viel von seiner Persönlichkeit in die Beziehungen, die durch Outreach erwachsen. Nicht alle Mitarbeiter*innen sind dazu bereit. Dennoch betont der Direktor, dass es weniger ein Problem war das Personal für die Outreach Programme zu gewinnen, sondern die Politik. Mittlerweile ist Outreach als soziales Engagement fester Bestandteil im Finanzplan. Auch wenn sich das Engagement im Sinne der Statistik nur in sehr geringen Wachstumsraten von etwa 2,4 Prozent mehr „neuen“ Besucher*innen zeigt. 

Diese Zahl kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen und selbst in Großbritannien wo mit landesweiten Programmen über Jahre die Öffnung von Kulturinstitutionen für neue Besuchergruppen gefördert wurde sind ähnliche Werte bekannt.

Viele weitere Maßnahmen innerhalb des Museums waren darauf ausgerichtet Menschen anzusprechen, die bisher nicht zum Museumspublikum zählten. Dazu gehört das oben im Video zu sehende Projekt „Il mio Museo“ oder auch ein besonderes Angebot für die Arabisch-sprechende Community mit einem vergünstigten Eintritt. Für dieses Projekt wurde das Museum von einer rechtspopulistischen Partei öffentlich angefeindet, was in der New York Times aus Februar 2018 näher nachzulesen ist. 

Da ich nicht auf alle genannten Beispiele eingehen kann, möchte ich abschließend noch drei Zitate von Christian Greco wiedergeben, die den Sinn und Zweck von Outreach wunderbar auf den Punkt bringen.

„Wenn Du Teil der Gesellschaft sein willst musst Du in der Gesellschaft vernetzt sein mit den verschiedensten Gesellschaftsgruppen.“

„Wenn wir überleben wollen brauchen wir die Legitimation Bottom-Up.“

„Die Einbeziehung der Menschen ist keine Option, sondern eine Pflicht.“

Selbstverständlich sollten die Maßnahmen einen engen Bezug zur Sammlung haben. Wie das gelingt wurde in dem Vortrag deutlich. Deutlich wurde auch wie erfrischend es ist wenn ein Direktor frei von der Leber weg über Lessons Learned berichtet und Fehler offen anspricht. Dafür bot die Veranstaltung in der Reihe lab.Bode! den geeigneten Rahmen.