Community Outreach

Was ist Community Outreach?

Bei Community Outreach treffen gleich zwei englische Begriffe aufeinander, für deren Bedeutung es im Deutschen keine so punktgenaue Entsprechung gibt . Community umschreibt Gemeinschaft, Gemeinde, Kommune, Allgemeinheit, Gemeinwesen oder einfach die Öffentlichkeit, wobei hier der Zusatz lokale Öffentlichkeit  sinnvoll ist. Übersetzungen von Community Outreach reichen von der wohl kürzesten als „direktem Bürgerkontakt“ bis zu Community Outreach als „gesellschaftspolitischem Gewissen“.

Das Entscheidende ist nicht die Übersetzung, sondern die Bedeutung:

Bei Community Outreach wirkt das Museum oder allgemein die Kulturinstitution in die lokale Öffentlichkeit hinein und die lokale Öffentlichkeit in die Institution.

Die Öffentlichkeit besteht natürlich aus handelnden Individuen, die sich einer oder mehreren gesellschaftlichen Gruppen zugehörig fühlen: den communities. Im Prinzip könnte Community Outreach auch Communities Outreach heißen.

Beispiele für Communities werden sehr anschaulich auf der Internetseite des stadtlabor unterwegs des historischen museums frankfurt aufgezählt:

„Bewohner, Künstler, Stadtteilhistoriker, Einzelhändler, Jugendarbeiter, Kulturschaffende, Galeristen, Hobby- und Profifotografen, Lehrer, Studenten der Stadtplanung und Performance-Künstler zählten zu den Mitwirkenden. Sie alle sind direkt oder indirekt an der Gestaltung des Stadtteils beteiligt und zeigten in der Ausstellung ihre Perspektiven auf das Viertel jenseits von Typisierungen in seiner ganzen Vielschichtigkeit, Aktivität und Ambivalenz.“

Beispiele für Community Outreach in Museen:

stadtlabor unterwegs – historisches museum frankfurt

Das stadtlabor unterwegs des historischen museums frankfurt ist Deutschlands – wie wir finden – wohl konsequentestes Outreach-Programm. Die partizipative Haltung, die hinter dem Stadtlabor steht ist grundlegend für die gesamte Arbeit des historischen museums frankfurt und findet sich im Leitbild des Hauses: „Das Museum ist partizipatorisch ausgerichtet,  es nimmt den Erfahrungs- und Wissensschatz seiner Besucher ernst und nutzt ihn als integrierten Bestandteil.“ Um diesen Erfahrungs- und Wissenschatz zugänglich zu machen gibt es seit 2010 das stadtlabor unterwegs. Das Museum sammelt mit dem stadtlabor unterwegs in jährlichen interaktiven Formaten während der Sommermonate genau diese Erfahrungen, Meinungen und Ansichten der Frankfurter Bürger ein: in Form von Geschichten, Bildern, Tönen und Exponaten und realisiert auf Basis dessen Ausstellungen im Stadtraum. In den letzten Jahren in einem Bürogebäude, einem Schwimmbad, einem Turn-und Sportverein, in einem ehemaligen Autohaus und in den Wallanlagen. „Basierend auf der Idee eines Forums, schafft das stadtlabor Ausstellungsräume, in denen kommunikative Aushandlungen über aktuelle, vergangene, zukünftige, alltägliche, ungewöhnliche oder drängende Themen möglich werden.“ (Gesser, S. et al. (Hg.): Das partizipative Museum. Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen; Bielefeld 2012; S. 246). Ab 2017 wird all dieses gesammelte Wissen der unterschiedlichsten Frankfurter Communities einen festen Platz als integraler Ausstellungsbestandtteil innerhalb des dann neu eröffneten Museums bekommen: Vom Outreach zum Inreach.

The WALL – Museum of Copenhagen

Mit The Wall  führt das  Museum of Copenhagen seit 2010 ein bemerkenswertes Outreach-Projekt durch. The Wall verbindet in einem partizipativen Ansatz die Funktionalitäten des Web 2.0 mit einer mobilen, multimedialen Installation. Der 12 Meter lange und 2 Meter hohe Touch-Screen ist in einem Container untergebracht, der seit Start des Projekts in verschiedenen Stadtteilen Kopenhagens aufgestellt wurde. Ziel ist es, das Museum auf die Straße zu bringen und jedem den Zugang zum kulturellen Erbe der Stadt zu ermöglichen. Das Museum stellt eine Fülle an Bildern und Filmen aus dem Museumsarchiv zur Verfügung und lädt die Passanten ein, diese zu nutzen, zu kommentieren und eigene Fotos der Sammlung des Museums durch Hochladen in The Wall hinzuzufügen. Auch vom heimischen Sofa aus kann man das Museum besuchen. The Wall ist ebenfalls auf der Website zugänglich.

Open Museum Glasgow

Die Sammlungsobjekte direkt zu der Bevölkerung, hinaus aus den Museen, hinein in die communities, bringt das „Open Museum“. 1990 als Outreach Bereich der Glasgow Museums gegründet ist es integraler Teil des Museumsverbundes. Inzwischen gibt es um die 70 „Handling und reminiscence kits“, also Gebrauchs- und Erinnerungsbaukästen zu verschiedenen Themen mit Originalobjekten aus den Sammlungen. Die Kits, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen communities entstehen, werden an Gruppen in beispielsweise Alters- und Pflegeheimen, in Jugendclubs, Strafanstalten und Krankenhäuser verliehen – nicht jedoch an Schulen. Ziel ist explizit informelles Lernen und die Kommunikation innerhalb der Gruppe. Das ist der Unterschied zu den hiesigen „Museumskoffern“, die vornehmlich an Schulen eingesetzt werden und mit bestimmten Lernzielen verbunden sind. Genau darum geht es beim Open Museum nicht. Die Gruppen können die Objekte gebrauchen wie sie möchten, auf jeden Fall können sie sie anfassen. Eine mögliche Horror-Vorstellung für so manchen Kurator oder Restaurator. Neben den Kits bieten ein kleines community museum und einzelne Ausstellungsräume in öffentlichen Gebäuden die Möglichkeit für Gruppen, sich die Orte anzueignen, die Museumssammlungen zu gebrauchen und Ausstellungen zu erarbeiten, durch die sie für sie bedeutsame Geschichten erzählen. Dabei werden sie von den Museumsmitarbeitern professionell unterstützt. Zudem gibt es kleine flexible „Travelling Displays“, z.B. in der Form einer Juke Box, die an Orten wie Shopping- oder Sportzentren gezeigt werden… ganz nah dran an den Bewohnern Glasgows.

The Open Museum – International Sign from AC2.com / SignLive on Vimeo.

 

Das mobile Centre Pompidou

Ein Beispiel für ein Outreach Projekt mit großem Lerneffekt ist das Centre Pompidou mobile. 2011 als ambitionierte Idee gestartet, sollte es Kunst an kulturell unterversorgte Orte in Frankreich bringen. Der Eintritt in das transportable Museumszelt war frei, die Nachfrage groß. Das Outreach-Ziel als solches, Menschen in Frankreich für Museum zu begeistern die bisher nicht die Möglichkeit hatten ein Museum zu besuchen, ist an zahlreichen Orten gelungen. Am 4. Januar 2013 schrieb Deutschlandfunk:

Chaumont – die erste Station des Pariser Kunstzirkus – ist eine Kleinstadt im ländlichen Nordosten Frankreichs, in der „France profonde“. 80 Prozent der Einwohner von „Chaumont, so das Ergebnis einer Studie, sind noch nie in einem Museum gewesen. Und der Weg dorthin wäre auch weit: Das nächste Museum ist gut hundert Kilometer entfernt. In anderen ländlichen Regionen ist die Situation ähnlich. Frankreich ist nach wie vor ein zentralistisch organisiertes Land – Paris ist die Hauptstadt, auch des kulturellen Lebens. Alain Seban, Präsident des Centre Pompidou:

‚Jeder zweite Franzose geht nie ins Museum, weil er sich sagt, das ist zu kompliziert. Es ist aber unsere Pflicht, alle Franzosen zu erreichen. Die Sammlung des Centre Pompidou gehört der Nation, also allen Bürgern.‘ “

Nach dem sechsten Tourenstopp kam Ende September 2013 das finanzielle Aus.