Outreach in Theorie und Praxis

Dieser Blog bewegt sich im Spannungsfeld von Theorie und Praxis: einerseits möchten wir beispielhafte innovative Outreach-Strategien und -initiativen vorstellen, um das museale Praxisfeld zu inspirieren. Andererseits möchten wir den theoretischen Diskurs um Outreach als strategischen Ansatz mitgestalten. Outreach als strategisches Konzept wird in der Wissenschaft verstärkt diskutiert und es entstehen zunehmend mehr wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Aus diesem Grund haben wir eine neue Rubrik eingerichtet, in der wir ausgewählte Abschlussarbeiten zum Themenfeld veröffentlichen. Den Anfang macht die Arbeit „Outreachansätze im Museumsbereich – Chancen und Grenzen eines mobilen Vermittlungsprogrammes“ von Anna Maria Scharinger. Die Arbeit wurde im Juni 2009 bei Prof. Dr. phil. Oliver Rump und Ivana Scharf im Studiengang Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin eingereicht. Anna Maria Scharinger gibt einen Überblick über den damaligen Stand von Outreach-Programmen in Deutschland, zeigt die historische Entwicklung auf und unternimmt einen Definitionsversuch. Sie untersucht und vergleicht drei Outreach-Programme deutscher Museen und befasst sich mit den Chancen und Grenzen von Outreach im Museumsbereich. Die Arbeit ist in unserer neuen Rubrik Abschlussarbeiten veröffentlicht.

Community Outreach – Erfolgsgeschichten aus Frankfurt, Kopenhagen und Glasgow

Was sind Communities und wie können diese mit einer gezielten Outreach-Strategie erreicht werden? Wir zeigen ausgewählte Beispiele aus Frankfurt, Kopenhagen und Glasgow. Dass eine Entwicklung der Besucherschaft hin zu mehr Diversität und eine Öffnung der Institutionen nicht über Nacht geschieht und Kontinuität hierbei ein wichtiger Faktor ist, sollte selbstverständlich sein: Das Open Museum in Glasgow gibt es seit 27 Jahren und das stadtlabor unterwegs sowie das Kopenhagener Projekt The Wall seit 7 Jahren. Hier gibt es Neues in unserer Rubrik Community Outreach.

Wen spricht dieses Museum an?

Kürzlich besuchte ich in meiner Heimatstadt Wuppertal das Von der Heydt Museum. Ein städtisches Kunstmuseum mit einer herausragenden Sammlung. Die Finanzierung wird von Land, Kommune, einem Verein und privaten Stiftungen geleistet. Anlässlich des 100. Todestages von Edgar Degas und Auguste Rodin zeigt das Museum die Ausstellung mit dem Titel „Degas & Rodin – Giganten der Moderne“. Die Zusammenstellung der 270 Werke war in dieser Form noch nie zu sehen. Der Kurator hat sie zueinander in Beziehung gesetzt und die Ähnlichkeiten und Unterschiede herausgearbeitet.

Ich  kam in das Museum als regelmäßige Museumsbesucherin, mit meinem beruflichen Erfahrungswissen aus der Arbeit in einem renommierten Museum, dem Wissen aus mehreren Semestern Kunstgeschichte und mit überdurchschnittlichem Kunstinteresse. Als Kulturmanagerin interessiert mich vor allem die Perspektive der ungeübten Museumsbesucher. Aus der Sicht der Nichtbesucher betrat ich den Raum, fand zur Orientierung schnell die Kasse und die Garderobe. Der Weg zur Ausstellung erschloss sich mir nicht unmittelbar, da mehrere Räume gleichzeitig bespielt wurden. Ich folgte den anderen Besuchern. Am Eingang der Ausstellung wurde ich freundlich in Empfang genommen, den Beginn des Rundgangs zeigte man mir mit einer Geste an. Sodann führte mich ein Leitsystem chronologisch von Raum zu Raum. Die Texte waren in gut lesbarer Schriftgröße. Verstanden habe ich die Inhalte ohne Fremdwörterbuch und umfangreiches kunst- und kulturgeschichtliches Wissen jedoch nicht. Der begleitende 431-seitige Ausstellungskatalog hat mich sehr beeindruckt, aber nicht weniger ratlos zurückgelassen. Wieder zu Hause wollte ich mich auf der Website des Museums über das Begleitprogramm weiter informieren. Doch dieses wendete sich nicht an mich. Es klang eher nach einem Angebot für Kunstsammler, Kunstliebhaber oder Kunstkenner. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Eher schon ausgeladen. Auf jeden Fall nicht eingeladen. Ich kam zu dem Schluss, dieses Museum gehört nicht zu meiner Welt.

Diese hier skizzierte Situation ereignet sich, wenn es überhaupt so weit kommt, dass ein Nichtbesucher die Museumsschwelle übertritt, in ähnlicher Weise erwartungsgemäß häufiger. Ganz sicher ist das nicht die Absicht der Ausstellungsmacher. Hier verdeutlicht sich die Etablierung einer bestimmten Qualität von Sozialbeziehungen. Demgegenüber fehlen Schritte zum Aufbau von Beziehungen zu anderen Besuchergruppen. Betrachtet man das Museum als ein gesellschaftliches Angebot einer Bildungsmöglichkeit, so erscheint die Erwartungshaltung im Hinblick auf die Vorbildung der Besucher recht hoch. Das Kunstmuseum ist in seinem eigenen System gefangen, mit der Grundannahme, dass Kunstrezeption nur unter bestimmten intellektuellen Bedingungen stattfinden kann. Es heißt, das Kulturpublikum sei ein Abiturpublikum. In diesem Fall wird sogar ein Akademikerpublikum angesprochen.

Erfreulicherweise sieht die Museumsszene sich zunehmend selbstkritischer. So betont Marion Ackermann, die seit kurzem die Staatliche Kunstsammlung Dresden leitet in einem Interview mit dem MDR: „Wir erreichen große Teile des Publikum der Gesellschaft nicht mit unseren Angeboten, sondern sind mit uns selbst beschäftigt und damit, unsere Marken als Museum auszubauen.“

Die Kunstsammlung NRW fragte in ihrem Symposium vom 18. bis 20. Januar: „Wem gehört das Museum?“ Mit dem Ziel herauszufinden wer die derzeitigen Besucher sind und wie eine diversere Besucherschaft angesprochen werden kann. Das Symposium wurde per Livestream auf dem Youtube Kanal der Kunstsammlung NRW übertragen.

Es hat sich viel getan – Die neuesten Outreach-Entwicklungen

Seit wir diesen Blog ins Leben gerufen haben, ist viel Bewegung ins Feld gekommen. Wir freuen uns, dass Outreach im Kultur- und Bildungskontext nun immer öfter in Erscheinung tritt. An dieser Stelle geben wir einen Überblick über die neuesten Entwicklungen.

Wir betrachten Outreach über den Kontext von Museen hinaus und zeigen das Spektrum der Entwicklung im Kontext kultureller Bildung und Kulturvermittlung auf.

Uns interessiert Outreach besonders als strategisches Instrument der Organisationsentwicklung hin zu einer diverseren Besucherschaft.

Wie 2014 von Heisig/Scharf/Wunderlich hier definiert, gibt es verschiedene Sichtweisen auf Outreach. Es kann als Marketing-Instrument verstanden werden, als aufsuchende Kulturarbeit oder eine bestimmte Organisationskultur im Umgang mit neuen, bisher ausgeschlossenen Besuchergruppen (siehe Definitionsmatrix).

Im 2016 erschienen Sammelband „Teilhabeorientierte Kulturvermittlung“, herausgegeben von Prof. Dr. Birgit Mandel, beschreiben zwei Artikel unter dem Oberbegriff Outreach zum einen „Interaktive Klanginstallationen in öffentlichen Sphären als ästhetische Ermöglichungsräume für kulturelle Bildungsprozesse“ (Jens Schmidt: Einladende Interventionen zwischen Spielplatz und Konzertsaal; in: Mandel 2016, S. 197 bis 207) und zum anderen „Istanbul‘s Shopping Malls as spaces for cultural participation and education“ (Özlem Canyürek: Shopping Culture; in Mandel 2016, S. 209 bis 216).

Im ersten oben erwähnten Artikel analysiert Jens Schmidt zwei Musik-Projekte im (semi-)öffentlichen Stadtraum, die „ästhetische Ermöglichungsräume“ (S. 203) öffnen. Zum einen handelt es sich um das Projekt „Ohrentausch“: sechs interaktive Klanginstallationen auf öffentlichen Plätzen, die im Rahmen der Jahreskampagne der Musikland Niedersachsen gGmbh eingesetzt wurden. Zum anderen wird das Projekt „Lautmaler“ als Teil des Rahmenprogramms des Folk’n’Fusion-Festivals in Hildesheim beschrieben. Der Autor zieht das Fazit, dass es sich bei beiden Klanginstallationen um sozial inklusive Formate handelte, die ein sehr diverses Publikum angesprochen haben (S. 205). Im Beitrag „Shopping Culture“ wird Outreach primär als Marketing-Instrument für Shopping-Malls in einem in der Türkei immer stärker umkämpften Markt verstanden und dargestellt. Die in beiden Artikeln untersuchten Ansätze sind primär dem Verständnis von Outreach als Marketing-Instrument zuzurechnen.

Im Angloamerikanischen Raum wird Outreach über Marketingzwecke und aufsuchende Kulturarbeit hinaus häufig als Change-Management-Instrument zur Veränderung der Organisationskultur einer Kultureinrichtung verstanden. Dort ist Outreach in zahlreichen Museen und anderen Kultureinrichtungen etabliert. Es gibt Outreach-Manager, Outreach-Kuratoren und Outreach-Abteilungen. (Beispiele finden sich hier).

Zwei Ansätze aus Berlin zeigen, dass dieses Verständnis auch bei uns zunehmend in den Fokus rückt: Im Juli 2016 wurde von den Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SMB) die Stelle einer Kurator*in für Outreach ausgeschrieben. „Die Kulturstiftung des Bundes und die Staatlichen Museen zu Berlin starten gemeinsam die Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen. Diese umfasst die Einrichtung eines modellhaften Vermittlungslabors am Bode-Museum der SMB, das über vier Jahre mit Berliner Schulen zusammenarbeitet, sowie die bundesweite Förderung von 18 wissenschaftlichen Volontariaten im Bereich Vermittlung an Museen (…). Im Zusammenwirken beider Module soll sich modellhaft eine zukunftsfähige Vermittlungsarbeit in Museen abzeichnen.“ Die/der Kurator*in für Outreach soll aus kuratorischer Sicht Inhalte, Themen und Konzepte erarbeiten, die übergreifend in die kuratorische Arbeit der Sammlungen implementiert werden. In Form von innovativen Präsentationen und Vermittlungsformaten sollen somit bisher nicht erreichte Zielgruppen angesprochen werden.

Im Dezember 2016 war eine Stelle für eine/n Wissenschaftlichen Mitarbeiter*in mit Schwerpunkt Outreach in der Abteilung Bildung/Kommunikation der Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz ausgeschrieben. Aufgabe des Stelleninhabers wird die wissenschaftliche Entwicklung einer Gesamtkonzeption für die Bildungs- und Vermittlungsarbeit mit diversen Nutzergruppen (Outreach) für das Museum für Islamische Kunst in enger Zusammenarbeit mit der Leitung und den wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen sowie dem Direktor und den Kurator*innen des Museums für Islamische Kunst.

Beide Ausschreibungen zeigen ein Verständnis von Outreach als Instrument zur Veränderung der Organisationskultur.

Im 2014 veröffentlichten Artikel „ Museen und Outreach“ verorteten Ivana Scharf und Dagmar Wunderlich Outreach im Spannungsfeld von Audience Development, Partizipation und Inklusion. Ein letztes aktuelles Beispiel sieht Outreach ebenfalls im Kontext dieses Spannungsfeldes und bringt den wichtigen aktuellen Begriff des Empowerment ins Spiel. In ihrem Beitrag „Transformation im Kulturbereich. Begriffe und Beispiele.“ verorten Patrik S. Föhl und Gernot Wolfram Outreach im Kontext von Empowerment-Prozessen: „Kulturelle Ermächtigung bedeutet, Menschen dazu zu befähigen, sich an gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen zu beteiligen (…). Konkret heißt das, vor allem Menschen, die bislang nicht im Fokus der Aufmerksamkeit von kulturellen Einrichtungen und Projekten standen, einzuladen, (…) bzw. diesen überhaupt erst einen Zugang zu kulturellen Einrichtungen im Sinne des Outreach-Gedanken zu ermöglichen.“ (S. 38)

Outreach als Marketing-Instrument, als aufsuchende Kulturarbeit und als Prozess zur Organisationsveränderung und -entwicklung: die hier beschriebenen aktuellen Beispiele zeigen die Bandbreite und das Potential von Outreach.

Von Julia Heisig (j.heisig@museum-outreach.de)

 

Outreach ist, wenn ein ganzer Stadtteil eine Oper macht

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zählt zu den zehn besten Orchestern weltweit. Herausragende künstlerische Qualität bieten und gleichzeitig näher an den Menschen sein als jede andere Kulturinstitution in Deutschland. Was können andere von den Weltklassemusikern lernen ?  Hinter der Erfolgsgeschichte steht eine Haltung und innere Überzeugung der Musiker, die andere an dem was ihnen am Herzen liegt teilhaben lassen möchten. Dafür gehen sie unkonventionelle Wege. Ich hatte mehrfach die Gelegenheit das Orchester zu besuchen, das in der Gesamtschule Bremen-Ost, inmitten eines Stadtteils mit besonderen sozialen Herausforderungen zu Hause ist. Zukunftslabor nennen die Macher den Ort, an dem sie ihre neuen, gesamtgesellschaftlich ausgerichteten Wirkungsweisen von klassischer Musik erproben. Hier finden zahlreiche Projekte gemeinsam mit der Schule statt in denen Musiker und Musik inspirieren, die Begeisterung wecken und die neue Erfahrungen ermöglichen. Diese beruhen auf Gegenseitigkeit, wie auch der kurze Filmbeitrag deutlich macht. Jeder in der Schule ist mit Lust und Leidenschaft dabei und Stolz, wenn die Besuchermassen zur Aufführung kommen. Für mich eines der schönsten Opernerlebnisse mit einem bunten Publikum, wie es sich jede Kultureinrichtung wünschen würde. Diese Strahlkraft nimmt den ganzen Stadtteil mit, nur so kann die Stadtteil-Oper mit 500 Mitwirkenden Wirklichkeit werden. Dieses neue Kunst-Genre, ist nur ein Beispiel für die vielen partizipativen Projekte des Zukunftslabors. Ein weiteres ist die Melodie des Lebens. Hier finden am 19. und 20. März 2015 wieder Aufführungen statt. Lohnenswert ist vorher an einer Führung durch das Zukunftslabor teilzunehmen.

Museen & Outreach – Eine Frage der Haltung

Jedes Jahr öffnen neue Museen, die Besuche steigen und Museen sind beliebter als die Bundesliga. Warum also Outreach? Es ist eine Frage der Haltung, wie ein Museum seine Rolle in der Stadtgesellschaft definiert und sich mit ihr vernetzt. Dabei stellt sich das Museum zum Beispiel folgende Fragen „Welche Besucher wollen wir erreichen?“ oder „Welchen Unterschied machen wir im Leben von Menschen?“ Outreach umzusetzen bedeutet eine neue Ausrichtung der Organisation, neue Vernetzungsstrategien sowie neue Ebenen der Kommunikation und der gesellschaftlichen Verantwortung. Kurz: Outreach ist ein konsequenter Change-Management Prozess.

 

Museen und Outreach auf kubi-online.de

Gerade wurde unser Artikel über „Museen und Outreach“ auf kubi-online.de veröffentlicht. Hier erläutern wir die Bedeutung von Outreach in der kulturellen Bildungsarbeit von Museen. Wir beschreiben Outreach im Spannungsfeld von Audience Development, Partizipation und sozialer Inklusion. Outreach hat das Potenzial das Verhältnis zwischen Museum und nicht museumsaffinem Publikum grundlegend zu verändern und viel weiter zu gehen, als alles, was bisher erprobt wurde. Wenn Outreach strategisch und systematisch implementiert wird, trägt es dazu bei, die Umwelt-Beziehungen des Museums und das System Museum selbst zu verändern.

Definitionen von Outreach

Seit über einem Jahrhundert führen Museen Outreach-Programme durch, um Interesse für ihre Sammlungen zu wecken und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung von Outreach in dem Maße gestiegen, wie Museen erkannt haben, dass sie andere Methoden und Wege finden müssen, um ein diverseres Publikum zu beteiligen. Mittlerweile ist Outreach in zahlreichen Museen weltweit etabliert. Es gibt Outreach Manager, Outreach Kuratoren und Outreach Abteilungen. Doch was genau bedeutet Outreach? Wir haben die neue Rubrik Definition eingerichtet und geben hier einen Überblick über die theoretische Dimension von Outreach.

Museum für Menschen begeistern!

Herzlich Willkommen auf museum-outreach.de!

Wir möchten Museen in ein neues Zeitalter führen. Damit das gelingt ist eine neue Denkweise und ein strategisches Vorgehen erforderlich. Dass Outreach eine geeignete Strategie sein kann, stellen wir in diesem Blog vor. Sie sind richtig hier, wenn Sie mit Outreach in ihrem Museum einen Kulturwandel initiieren wollen. Hier erfahren Sie was Outreach ist und warum Sie Outreach einführen sollten. Lesen Sie über gute Beispiele von Outreach im In- und Ausland, über aktuelle Forschungsbeiträge und Veranstaltungen zum Thema.

Lassen Sie uns wissen, wenn Sie Outreach bereits in Ihrer Institution umsetzen.

Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen! Werden Sie Teil unseres Netzwerkes!

Dagmar Wunderlich, Julia Heisig und Ivana Scharf